Evangelische Kirche von Weszfalen

Rosenstrasse 76

Häusliche Gewalt wahrnehmen, zum Thema machen, überwinden.

Die Augen öffnen:
Häusliche Gewalt überwinden
Gewalt in der Familie ist in Deutschland eine der stärksten Bedrohungen menschlicher Würde.

Die Rosenstrasse 76 ist eine ganz normale Dreizimmerwohnung – und dabei eine einzigartige Ausstellung! Sie steht exemplarisch für Räume, in denen die Gewalt zu Hause ist. Dies ist einer der brutalen Orte, an dem Menschen psychisch und sexuell erniedrigt, geschlagen, vergewaltigt und manchmal auch getötet werden.
Was hinter den Türen der Rosenstrasse 76 verborgen geschieht, könnte überall passieren: In Deutschland oder anderen Nationen, in engen Großstadtwohnungen oder vornehmen Villen, in von Arbeitslosigkeit betroffenen Familien oder bei den oberen Zehntausend – sogar in unserem unmittelbaren Umfeld.

Die Ausstellung zeigt Besuchern häusliche Gewalt dort, wo sie stattfindet – in den vier Wänden. Wer die vollständig eingerichtete Wohnung wie ein Entdeckungsreisender durchstreift, beispielsweise den Anrufbeantworter abhört oder im Bücherregal stöbert, kann im wahrsten Sinne des Wortes hinter der Fassade des Alltäglichen das Grauen der Gewalt entdecken. Informationen an alltäglichen Gegen-ständen reden über Zahlen, Fakten und Schicksale, wenn diese mit offenen Augen betrachtet werden.

Zur Sache
Die Evangelischen Kirche von Westfalen (EKvW) unterstützt Wege aus der Gewalt: Seit vielen Jahren initiiert und begleitet sie Projekte, Initiativen und Einrichtungen, die sich der Prävention und Deeskalation von Gewalt und der Hilfe für die Opfer häuslicher Gewalt widmen. In einem gemeinsamen Beitrag zu der vom Weltkirchenrat für die Jahre 2001 bis 2010 ausgerufenen Dekade „Gewalt überwinden” bündelt sie nun diese Erfahrungen – mit dem Ziel, nachhaltige Lösungsstrategien zu erarbeiten und schließlich eine wirkungsvolle Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit auf die Beine zu stellen.

Somit ist die Ausstellung Rosenstrasse 76 in eine Vielzahl von Aktivitäten eingebettet, die Menschen für das Thema sensibilisieren, um eine breite Öffentlichkeit für die Thematisierung und Überwindung häuslicher Gewalt zu gewinnen.

Auf Entdeckungsreise durch die Rosenstrasse 76
Schon der Haussegen im Eingangsbereich zeigt: Häusliche Gewalt ist oft nicht auf den ersten Blick zu erkennen! Es handelt sich vielmehr um eine komplexes Misshandlungssystem innerhalb dessen vielschichtige Handlungs- und Verhaltensweisen darauf abzielen, Macht und Kontrolle über eine andere Person, ihr Handeln und Denken zu gewinnen. Körperliche und sexuelle Gewalt, Mord oder Totschlag sind nur ein Teil des Geschehens.

In der Rosenstrasse 76 werden die vielfältigen Aspekte Häuslicher Gewalt beleuchtet – rund 35 Informationsschilder an einzelnen Gegenständen zeigen Ursachen, Formen und Auswirkungen aber auch harte Zahlen und Fakten wie beispielsweise Kostenaufstellungen und Statistiken. Beim Eintritt in die Ausstellung werden die Besucher aufgefordert, hinter die schöne Fassade zu schauen: Sie sollen Türen öffnen, Schränke inspizieren oder technische Geräte benutzen.
 
Im Wohnzimmer offenbart der Anrufbeantworter Ausschnitte aus der Geschichte einer Familie: die Ängste der Tochter, die Demütigung durch den Partner oder die Wut der Nachbarin. Hier können sich Besucher/innen an den langen Esstisch setzen oder gemütlich auf der Couch lesen oder fernsehen. Die Krankschreibung auf dem Tisch gibt Einblick in die Auswirkungen häuslicher Gewalt, das Sparbuch im Wohnzimmerschrank listet die Kosten dieser weltweiten Katastrophe auf.

Die Küche mit Esstisch und Küchenzeile enthüllt zum Beispiel, wie stark Alkoholkonsum als verstärkender Faktor zu Häuslicher Gewalt beiträgt; die Information findet sich an einer Bierflasche. Eine achtlos herumliegende Valiumschachtel vermittelt das Thema psychische Gewalt und ihre Folgen. Exotische Urlaubsbilder an der Wand informieren über den Zusammenhang von Migration und häuslicher Gewalt. Und darüber, dass Gewalteskalation nicht selten tödlich endet, spricht ein Informationsschild an einem Messer.

Im Kinderzimmer lassen die Poster an der Wand erkennen, dass hier ein Teenager mit seinem kleinen Geschwisterchen lebt. Mit welchen Spielen er sich die Zeit vertreibt, können Besucher selbst ausprobieren. Das kleinere Kind hat sich eine Höhle aus Bettdecken gebaut. Seine Spielsachen liegen verstreut
auf dem Boden. Auch hier sind die Gegenstände mit Informationen gespickt: Sie verdeutlichen, welche Auswirkungen häusliche Gewalt auf Kinder hat und wie diese wieder Träger einer Gewaltkultur werden können. Aber auch, wie sie das Potential zur Überwindung von Strukturen der Gewalt bereits in sich tragen.

Das Schlafzimmer der Ausstellung stellt die geschlechtsspezifischen Aspekte häuslicher Gewalt in den Vordergrund. Hier erfahren die Besucher aber auch, wie Vergewaltigungen oder Suizidversuche das Leben vieler Menschen zerstören.
Und die nüchternen Zahlen und Fakten bekommen eine Stimme:
Auf einem CD-Player sind mittels Endlosband etwa 60 Zitate von Männern und Frauen zu hören, die von häuslicher Gewalt betroffen waren oder sind. An diesem privaten Ort erzählen sie ihre Geschichte, jede einzelne ein wichtiges Dokument gegen das Schweigen.

Der Weg zum Forum schließlich greift die hörbaren Zitate noch einmal auf. An langen Schnüren hängen sie wie ein Vorhang an einer Tür, durch den die Besucher hindurchgehen müssen, um die Wohnung zu verlassen. So berühren diese persönlichen Geschichten jeden einzelnen Gast unmittelbar. Tritt er durch sie hindurch, lässt er sie an sich heran und leistet so den ersten wichtigen Schritt, sich Wegen aus der Problematik zu öffnen.

Das Forum selbst ist ein Ort der Sammlung aber auch Ermutigung. So entlässt die Rosenstrasse 76 die Besucher nicht in tiefer Depression und Niedergeschlagenheit.
Durch Informationsgespräche, Flyer, Plakate und eine Powerpoint-Präsentation erfahren die Besucher/innen, welche erfolgreichen Strategien es gegen häusliche Gewalt gibt und wie sie selber zu einer Verbesserung der Problematik beitragen können.

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