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Rosenstrasse 76 Häusliche Gewalt zum Thema machen …
Abschlussbericht: 101 Begleitprojekte
Das Projekt Rosenstrasse 76 der Evangelischen Kirche von Westfalen hat offensichtlich so viel Resonanz und Wirkung entfaltet, dass von vielen Betroffenen eine Verlängerung des Projektes eingefordert wird und gegenwärtig eine weitere Förderung von neuen Begleit- Projekten im Jahr 2009 im Jugendministerium NRW (MGFFI) erwogen wird.
Hintergrund dazu ist die eher unaufdringliche Ausstellung Rosenstrasse 76 selber, die Neugierde weckt, zum entdecken und wahrnehmen einlädt und auch subtile Gewalt im Alltag sichtbar macht, ohne mit Schuldzuschreibungen Menschen zu verschrecken.
Die überall pädagogisch - fachlich gut begleitete Ausstellung kennzeichnet sich durch ein reichhaltiges Angebot von Menschen und (fachlichen) Gruppen, die eigene Gewalt- und Ohnmachtserfahrungen aufgreifen und wenden, konstruktiv bearbeiten und Hilfestellung leisteten.
Insbesondere in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen hat sich das Projekt als einzigartiger Türöffner für ein so schwieriges Themenfeld erwiesen. Ausgehend von der Erkenntnis, dass Gewalt ihre Wurzeln in der Mitte der Gesellschaft hat, eröffnet das Projekt den (sensiblen) Zugang zur Reflexion von häuslichen Gewalterfahrungen, ihren Wirkungen und Lösungsmöglichkeiten.
Problemanzeige: Während des Projektes wurde deutlich, dass sehr viele Pädagog/innen und Jugendarbeiter/innen sehr wohl einen Besuch der Ausstellung befürworteten, einer Vertiefung des Themas aber eher sehr skeptisch entgegen sahen oder sie ganz vermieden. Als Begründung dafür wurde der Mangel an fachlichem Know-how ebenso angeführt wie die Angst, „Schlafende Hunde zu wecken“ oder die Eröffnung von möglichen Konfrontationen und Konflikten mit den jeweiligen Eltern.
Die bisher durchgeführten Projekte zeigen dabei allerdings deutlich, dass der anklagende, schuldzuweisende, konfrontative Zugang zur Thematisierung häuslicher Gewalt strikt vermieden wurde (und vermutlich auch kontraproduktiv ist), sondern über die Wahrnehmung, Interpretation von Wahrnehmungen, und vor allem über die vorsichtige Öffnung von Gefühlswelten und den sensiblen Austausch zum Umgang mit Gefühlen, Kinder und Jugendliche sich das Thema zu eigen machten und selber konstruktiv an Lösungswegen arbeiteten.
Die bisher vorliegenden Projekterfahrungen (siehe www.rosenstrasse76.de ) ebenso wie erste Unterrichtsentwürfe, Seminarbausteine und Methodenrepertoires zeigen, dass durch das Projekt ein schwieriges Thema empathisch geöffnet wurde.
Zur Entfaltung von Wirkungen und Nachhaltigkeit in die pädagogische Praxis von Schule und Jugendhilfe hinein bedarf es aber dringend einer längeren Laufzeit und insbesondere einen Transport methodisch – didaktischer Lernmöglichkeiten in die Hände von Pädagog/innen und Verantwortliche für Kinder und Jugendliche.
Stichwort wird dabei sein: Multiplikator/innenarbeit zur methodisch-didaktischen Eröffnung und Entwicklung von Zugängen zur Thematisierung und konstruktiven Bearbeitung der Erfahrungen und Wirkungen häuslicher (Alltags-) Gewalt bei Kindern und Jugendlichen.
Zur Rosenstrasse 76:
Dass die Assoziationen und Gedanken zum Thema „Häusliche Gewalt“ sehr unterschiedlich ausfallen können wird besonders deutlich, wenn man Kindern und Jugendlichen Raum – Zeit – Atmosphäre eröffnet, um sie das Themenfeld häusliche Gewalt selber benennen und erschließen zu lassen.
Während häusliche Gewalt durchweg mit körperlich gewalttätigen Männern gegenüber ihren Partnerinnen in Verbindung gebracht wird und damit die Beseitigung und Tabuisierung körperlicher Gewalt als Verhaltensrepertoire in den Vordergrund zu rücken scheint, ist bei Kindern und Jugendlichen zum Thema eher eine sensible Annäherung an die Wurzeln von Verletzung, Erniedrigung, Demütigung, Ausgrenzung, Zorn usw. zu beobachten.
Erstaunlich ist, wie in den 101 vorliegenden Erfahrungsberichten aus dem Projekt (siehe: www.rosenstrasse76.de / unter: Projekte) Gefühle und Gefühlswelten benannt und bearbeitet wurden und in den Vordergrund getreten sind.
Der Umgang mit und das Erleben von Gefühlen im häuslichen Kontext zeigt deutlich, dass häusliche Gewalt in Form körperlicher Verletzung nur die Spitze eines Eisberges ist, der unterhalb der scheinbaren Oberfläche in Demütigungs-, Kränkungs-, Frustrations- und Ausgrenzungsprozessen seine Wurzeln findet.
Wurzeln, die mit (geschlechtsspezifischer) Erziehung ebenso zu tun haben wie mit vorherrschenden Leitbildern von Mann und Frau oder den eigenen Wünschen an und der je eigenen Vorstellung von Familie und Partnerschaft.
Unintendiert ist dem Projekt Rosenstrasse 76 damit eine zusätzliche Aufgabe zugewachsen, nämlich die Entwicklung vielfältiger Prozesse und methodischer Repertoires, damit Kinder, Jugendliche und Erwachsene sich verständigen, um möglichst mit allen Sinnen zu begreifen, zu erfahren und zu verstehen, was Sinn macht, Wert hat, als Regel taugt und deshalb für alle Beteiligten in Familie und Partnerschaften gelten soll und kann.
Die sowohl eigene als auch gemeinsam - einvernehmliche Entwicklung und Ausgestaltung von Regeln und Grenzen als andauernder Prozess, so scheint es, kann dabei als ein Lösungsweg gelten, um der Gewalt, nicht nur im häuslichen Bereich, das Wasser abzugraben.
Dazu einige Zitate aus den vorliegenden Berichten zum Projekt:
„… Sie haben in Ihrer Rede davon gesprochen, dass wir alle gut aufpassen sollen, wenn andere Leute Probleme haben oder Ärger machen mit der häuslichen Gewalt. Wir meinen aber, dass jeder und jede von uns was mit der häuslichen Gewalt zu tun hat und jede und jeder auch auf sich selber und auch auf seine eigenen Leute aufpassen muss. Zum Beispiel haben wir Kinder das Recht herauszufinden, wann unseren Eltern die Nerven platzen. Unsere Eltern haben dann die Aufgabe, uns die Grenzen und die ihrer Nerven aufzuzeigen. Wenn sie brüllen oder uns dann schlagen ist das schlimm, aber schlimmer noch ist es, wenn sie gar nichts tu n oder uns links liegen lassen und mit Nichtbeachtung strafen, oder uns die Liebe entziehen …“ (aus einem Brief der Jugendclique „Ruhrkanaker“ an den Präses der EKvW, 20.6.08)
„Welche Themen haben uns besonders berührt? Umgang mit Gefühlen insbesondere bei dieser Thematik. Kreativer Umgang mit Gefühlen: Gedichte und kleine Rap-Songs selber machen zur Thematisierung von Gefühlen und Gewalt. Eigene Gewalterfahrungen, sexualisierte Gewalt / Gewalt in Partnerschaft und Ehe / Gewalt gegen Kinder. Gewalt der Kinder untereinander.“ (aus Bericht Nr. 3, Gewaltprävention in Familien)
In unserem „Projekt zur Thematisierung häuslicher Gewalt ging es darum, mit den Jugendlichen verschiedene Situationen aus ihrem Leben zu besprechen und Zitate und Sätze zu sammeln, die junge Menschen entmutigen. … Ziel unseres Vorhabens ist es, Kinder und Jugendliche so zu stärken, dass sie bei Entmutigung, Kränkung, Erniedrigung nicht gleich resignieren oder woanders ihre Wut ablassen, sondern die vorhandene Demütigung beim Namen nennen, thematisieren und möglichst sogar im Gespräch mit dem/r Verursacher/in zur Sprache bringen und konstruktiv bearbeiten.“ (aus Bericht Nr. 17, Entmutigende Sätze)
 „In dem Projekt ging es darum, mit Mädchen die verschiedenen Gefühle, die ein Mensch haben und ausdrücken kann, vor- und darzustellen. Dazu haben wir uns mehrfach getroffen, um mit den Mädchen erst einmal die verschiedenen Gefühle zu sammeln und zu besprechen. Die Mädchen sollten alle Gefühle, die ihnen selbst eingefallen sind, ob positiv, negativ oder neutral auf einem Plakat auflisten. Als kleine Hilfestellung hatten wir verschiedene Gefühlsbilder, die die Mädchen sich anschauen konnten. Die Mädchen sollten herausfinden um welche Gefühle es sich auf diesen Bildern handelte. Bei dem nächsten Treffen haben wir mit den Mädchen Fotos gemacht, auf denen sie selbst die gesammelten Gefühle ausdrücken sollten.“ (aus Bericht Nr. 19, Gefühlsbilder einer Mädchengruppe)
 „Im Rahmen der Entwicklung von Schutzfaktoren wurden die Kinder und Jugendlichen auch gebeten zu beschreiben, was nach ihrer Einschätzung und Erfahrung helfen könne, Formen der (häuslichen) Gewalt zu mindern. Sehr häufig ergaben sich Rückmeldungen, die unter die Überschriften „Anerkennung und Wertschätzung“ passten. Daneben ergaben sich auch regelmäßig Entdeckungen in dem Bereich der Selbstbehauptung, z.B. durch Körpersprache-Training.“ (aus Bericht Nr. 27, Schüler und Eltern)
 „Die Thematisierung von Gewalt in der Familie und den möglicherweise daraus erwachenden Verhaltensmustern rief eine besondere Betroffenheit bei den Schüler/innen hervor. Dabei war zu erkennen, dass neben dem großen Interesse für diesen Bereich auch das Gefühl, „einen Tabubereich“ anzusprechen, teilweise auch Konflikte hervorrief. Die abschließende Definition wurde nach intensiver Diskussion im Konsens beschlossen. „Wenn wir (…) verstehen lernen, wie Gewalt und Konflikte entstehen, können wir Strategien benutzen, die den möglichen Verlauf eines Konflikts entschärfen“ (aus Bericht Nr. 38, Gewalt erkennen – Gewalt benennen)
 „Es war unser Ziel, die Kinder darin zu befähigen, die Bandbreite der eigenen Gefühlswelt zu erkennen, eigene Gefühle gezielter wahrnehmen zu können und ihnen dadurch einen bewussteren Umgang mit den eigenen Gefühlen zu ermöglichen. … Wir haben in dieser Einheit das Augenmerk auf das gemeinsame musikalische Kommunizieren gelegt und damit begonnen, die Schülerinnen und Schüler auf den mitgebrachten Instrumenten frei experimentieren zu lassen. Es entstand eine lang andauernde Phase des Ausprobierens der Instrumente (Trommeln, Gongs, Becken, Waterphone, Vibraphon, Winddre her, Oceandrum, Flöten u.v.a.), in der die Kinder mit großer Freude und Experimentierlust, z. T. aber auch mit Scheu und großer Vorsicht die vielfältigen Möglichkeiten der Instrumente erprobten. (aus Bericht Nr. 51, Raus ins Leben)
Manchmal ist es schwer, Worte zu finden, um zu sagen, wie ich mich fühle, was mich bedrückt, dass ich mich geborgen und gut fühle, was in mir vor sich geht. Es kann auch sein, wir haben wenig oder keine gemeinsame Zeit, sind schlecht drauf und wollen gar nicht reden oder treff en auf gar kein offenes Ohr. Das Malen mit bestimmten Farben kann ein Weg sein, um sich auszudrücken, wenn andere Möglichkeiten fehlen. Wir Menschen erkennen Zusammenhänge zwischen Gefühlen und Farben. … Wir Kinder, die zusammen mit Sabine Gefühlsbilder gemalt haben, konnten viele Beispiele benennen, erfuhren mehr über die Bedeutung und Wirkung von Farben und haben diese in Bildern umgesetzt. Dabei haben wir eigene Gefühlsgeschichten (die wir schon einmal erlebt haben) erzählt und den jeweiligen Gefühlen Farben zugeordnet. (aus Bericht Nr. 63, Gefühlsbilder)
 „Häusliche Gewalt ist wie schlechtes Wetter, manchmal wie ein Unwetter mit Blitzeinschlag oder wie ein Donnerwetter mit Hagel und Tränen …und manchmal kommt es auch noch schlimmer … In solchen Zeiten wünschen wir Kinder uns schönes Wetter, mit lachender Sonne und fröhlichen Menschen und einen Zauberstab, mit dem wir das schlechte Wetter und die schlechte Stimmung, den Ärger und die Brüllerei verzaubern und vertreiben können. Wir Kinder, die dieses Regenmacher – Projekt gemacht haben, besitzen nun alle einen Regenstock, den wir bei Ärger und Stress herausholen und in Gang setzen, um damit deutlich zu machen, dass jetzt Schluss mit Ärger und Krawall ist. (aus Projekt Nr. 75, Regenmacher)
 „Jedes Kind ist einzigartig … und nicht nur das …sondern auch wertvoll, phantastisch, meistens lustig – manchmal traurig, voller Hoffnungen für das Leben, liebenswürdig und manchmal wütend, und immer auf der Suche nach Vertrautem und Neuem. In unserem Projekt haben wir von jedem Kind ein Portrait-Photo erst ausprobiert und dann gemacht (mit einer Kamera und Bilder-sofort-Drucker). Die Kinder konnten selbst entscheiden, welchen Gesichtsausdruck sie wählen: Wollen sie ernst oder böse schauen, lachen oder eine Grimasse ziehen… Dabei berieten wir die Situationen, in denen Kinder ganz unterschiedlich gucken und warum sich beim einen zum Beispiel Glück im Gesicht ganz anders äußern kann, als bei der anderen…“ (aus Bericht Nr. 76, Jedes Kind ist einzigartig)
„Deshalb haben wir dann auch zum Beispiel die Geheimwaffel gegen häusliche Gewalt gemacht, um in Ärger-, Streit- oder Stresssituationen etwas (paradoxes) in der Hand zu haben, um die Situation zu unterbrechen, zu entspannen und Zeit zum Überlegen zu haben, wie man den Stress auch anders erledigen kann.“ (aus Bericht Nr. 83, Was Jugendliche gegen häusliche Gewalt unternehmen können.)
„Wir haben damit begonnen, indem wir mit den Kindern eine große Bandbreite der ihnen bekannten Gefühle gesammelt haben und uns von ihnen Situationen haben erzählen las sen, aus denen sie diese Gefühle kennen. Um auch in „schwierigere“ Gefühlsbereiche, wie Ärger, Trauer, Wut, Aggressionen vorzustoßen, haben wir vertiefende Darstellungen von Gefühlen verwendet. In dieser Phase ist schnell eine entspannte und vertrauensvolle Atmosphäre entstanden, die es ermöglichte, tiefer in die „Gefühlswelten“ einzusteigen. In Rollenspielen, die den Kindern viel Spaß gemacht haben, wurden einige der erlebten Situationen dargestellt und in den Besprechungen der Rollenspiele wurden den Schülern und Schülerinnen schnell die eigenen Verhaltensweisen in Bezug auf ihre Gefühle und die Wechselwirkungen des Verhaltens im Umgang mit den Mitmenschen bewusst. Im Folgenden boten wir den Kindern an, die unterschiedlichen Gefühle auf den mitgebrachten Perkussionsinstrumenten (Trommeln, Gongs, Becken, Waterphone, Vibraphon, Winddreher, Oceandrum, Flöten u.v.a.) darzustellen.“ (aus Bericht Nr. 85, Auf dem Weg zu mir)
(Zur grundsätzlichen Problematik „Gewalt zum Thema machen“ siehe auch den Beitrag: „Häusliche Gewalt zum Thema machen“
Projektbüro Rosenstrasse 76 www.rosenstrasse76.de
Ralf-Erik Posselt, Haus Villigst, Januar 2009 |